2. Sonntag der Osterzeit - Sonntag der Barmherzigkeit - 11.04.2021

Apg 4, 32-35 | 1 Joh 5, 1-6 | Joh 20, 19-31


 

Sehen und Glauben

 

Schauen wir noch einmal zurück, wie alles anfing. Was alles hatten die Jünger mit Jesus erlebt? Einfache Fischer waren sie, im Boot mit ihrem Vater, ein Familienbetrieb über Generationen hinweg. Jesus hat sie gesehen und gerufen. Nun sollten sie Erfahrungen mit ihm machen, mit ihm ins Boot steigen, zu seinen Jüngern, seinen Weggefährten werden.

 

Dann die vielen Begebenheiten: etwa der Auftritt in der Synagoge in Nazareth: „Der Geist des Herrn ruht auf mir, denn er hat mich gesalbt“ (Lk 4, 18), so las er beim Gottesdienst aus dem Propheten. Zur Auslegung aufgefordert sagte er: „Heute hat sich das Schriftwort, das ihr eben gehört habt, erfüllt.“ (Lk 4, 21) Die einen irritierte das, andere waren davon angetan. Ein mächtiger Auftritt mit offenem Ende.

 

Kranke Menschen zog er nur so an. Sie sehnten sich danach, gesehen und berührt zu werden. Er war ganz zugewandt. Sie zu achten, zu berühren, sie zu heilen war ihm wichtiger, als das Halten des Sabbats. Viele ahnten: das kann nicht gut gehen.

 

Eine wurde vor ihn gezerrt, sie sollte sterben, weil sie beim Ehebruch ertappt worden war. - „Wer von euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein auf sie!“ Alle gingen weg. Sie aber wurde zu einem neuen Menschen.

 

Einer wollte sehen. Dieser Blinde hat Jesus erkannt und Licht gefunden.

 

Mit ihm im Boot unterwegs kamen sie in einen gefährlichen Sturm – ihn schien das nicht zu erschüttern, er war die Ruhe selbst.

Später waren sie allein im Boot unterwegs. Sie blieben es nicht – er kam übers Wasser auf sie zu.

Sie saßen zum Pascha zusammen, brachen das Brot und teilten den Wein: „Das bin ich für euch… mein Leib… mein Blut.“

 

Schließlich wurde er verraten von einem, der mit am Tisch saß, verhaftet und verurteilt. Er starb am Kreuz. Alles ging schnell. Sie hatten Angst, gingen auf Distanz, waren erschüttert. Nichts mehr war so, wie es war. Sie waren allein, auf sich gestellt, blind, ratlos und verschlossen.

 

Beim Brotbrechen hinter verschlossenen Türen fing es an, anders zu werden. Sie erinnerten sich an das letzte Essen mit ihm: „Mein Leib, mein Blut…“ Denen, die dabei waren, gingen die Augen auf. Sie sahen. Er war da, er kam in den verschlossenen Raum. Eine ganz andere Wirklichkeit, aber eine Wirklichkeit. Er ist da, er lebt…. Sie sehen und erkennen.

 

Thomas war nicht dabei. Auf das Hörensagen allein wollte er sich nicht verlassen. „Wenn ich nicht das Mal der Nägel an seinen Händen sehe und wenn ich meinen Finger nicht in das Mal der Nägel und meine Hand nicht in seine Seite lege, glaube ich nicht.“ (Joh 20,25)

Beim Brotbrechen hinter verschlossenen Türen ging es weiter, genau eine Woche später. Sie erinnerten sich an das letzte Essen mit ihm: „Mein Leib, mein Blut…“ Da gingen auch Thomas die Augen auf. Er sah. Er war da, er kam in den verschlossenen Raum. Eine ganz andere Wirklichkeit, eine Wirklichkeit „Mein Herr und mein Gott!“ (Joh 20,28)

 

Nicht das, was Hände anfassen können, führt zum Glauben, sondern vielmehr das, was Worte wirken, was Gottes Wort, was Gott selbst wirkt. Jesus hat die Liebe Gottes verkündet und gelebt. Diese Liebe wird von keiner Grenze aufgehalten, auch nicht von der Grenze des Todes. Sie liebt ins Leben hinein.

 

Wiederholen wir das, was die Jünger wiederholt haben. Richten wir unsere Augen, unseren Blick aus, dass wir sehen in das Brot hinein und im Brot ihn, das Leben, und in ihm den Vater, der uns dasselbe Leben hinhält, damit wir sehen und glauben.

 

Michael Janson