Samstag, 30. Dezember 2017

Geschichte zur Weihnachtskrippe

Stockkrippe, Südtirol

Zur Weihnachtskrippe passen keine intellektuellen Höhenflüge. So wie wir das konkret Figürliche mit Weihnachten verbinden, gehört auch das Erzählende und Spielerische dazu, so auch die folgende Geschichte.

„Wach auf!“ Der Mann dreht sich zur Seite. Er will weiterschlafen. „Wach auf, es brennt!“ Die Frau steht am offenen Fenster. „Es muss der Stall hinter dem Hügel sein“, sagte sie, „unser alter Heuschober.“

“Lass ihn brennen! Ein paar morsche Bretter, eine Futterkrippe und ein Dach aus Stroh, was soll’s!“

Er zieht sich die Decke über den Kopf. Er ist satt und zufrieden. Und er ist müde. Das Haus ist besetzt – es gibt kein besseres in Bethlehem – voll wohlhabender Gäste. Den ganzen Tag hat er vor ihnen gebuckelt, Freundlichkeit gemimt, Knechte und Mägde herumgejagt… Und den ganzen Tag stand die Frau in der Küche, hat gegart und gebraten und gebacken. Es hat sich gelohnt. Die Geldtruhe ist voll. Redlich verdientes Geld. Auch die Frau darf satt und zufrieden sein.

„Leg dich wieder hin“, brummt der Mann.

Doch die Frau bleibt am Fenster stehen, starrt in die Nacht hinaus, sieht den von einem unsichtbaren Feuer erleuchteten Himmel, erinnert sich plötzlich an die Fremden, vor allen an die hochschwangere Frau. Der Wirt hat dem Paar für eine Nacht den Stall vor der Stadt überlassen. Aus Mitleid wohl, sie war wütend geworden.

„Leute, mit denen man immer wieder Ärger hat, Diebe sogar…“

Er hat sie ausgelacht. „Der alte Heuschober. Da gibt es nichts zu stehlen, es sei denn ein wenig Heu und Stroh. Das mach ich ihrem Esel gönnen.“

An Feuer hat er nicht gedacht, triumphiert die Frau.

Nein, an Feuer hat er nicht gedacht. Leben sie noch? Ist das Kind zur Welt gekommen?

Das vor allem! Ist das Kind zur Welt gekommen? Die Frau schlägt einen Mantel um die Schultern, tappt an den Zimmern der schlafenden Gäste vorbei, hastet durch die Gassen der Stadt, über einen Acker, den Hügel hinan.

Der Mann greift mit der Hand ins Leere. Dann steht er auf, steht wie die Frau allein am offenen Fenster, sieht diesen Himmel über dem Hügel. Auch er schlägt sich einen Mantel über die Schultern, tappt an den Zimmern der schlafenden Gäste vorbei, hastet durch die Gassen der Stadt, über einen Acker und den Hügel hinan…

Doch es ist nicht der Stall, der brennt. „Es ist der Himmel!“ schreit er.

Er rennt den Hügel hinunter, drängt sich zwischen einer Schar Hirten hindurch, sieht seine Frau, die vor einer Krippe kniet, einem Kind über die Wange streichelt, schwesterlich vereint mit der Frau, die es geboren hat.

Seine Frau, die Schwangere nie ausstehen konnte, die auf dem Platz vor der Herberge keine spielenden Kinder duldete! Er wagt nicht, sich zu rühren, bis ein anderer Mann ihm die Hand entgegenstreckt, sich bedankt. Wofür denn? Im windigsten seiner Schober hat er ihm und der Frau Herberge gewährt, ein Dach nur…

Und unter diesem Dach kniet nun auch er zwischen den armen Hirten und seiner Frau vor der Krippe nieder, wird nicht müde, sich an dem Kind sattzusehen.

Als der Morgen dämmert und der brennende Himmel erlischt, kehren der Mann und die Frau nach Hause zurück, um sich um die Gäste zu kümmern, Pflichten zu erfüllen.

Sie brauchen Zeit, um einander zu gestehen, was sie bewegt. Das fremde Kind hat sich in ihr Innerstes eingenistet bis in alle Ewigkeit. (aus: Willi Hoffsümmer, Kurzgeschichten 10., 188 Kurzgeschichten für Gottesdienst, Schule und Gruppe, Mainz 2014, 18f)

Ja, sie haben keinen Platz bei sich, nur diesen schäbigen Stall bieten sie ihnen an. Und dann haben sie noch Angst, dass dieses Ding ein Raub der Flammen geworden sein könnte.

Oder sind es doch Sorgen um diese armen Leute, die ihnen Beine machen?

Und sie sehen, sehen sich satt, und das verändert sie.

Welche Früchte dieses Kind in ihnen treibt, wo es sich jetzt in ihnen eingenistet hat, das bleibt offen.

Das ist immer so, wenn Menschen sich versammeln, um Weihnachten zu feiern. Jedes Jahr bleibt es offen und spannend zugleich….

Ihnen und Ihren Angehörigen wünsche ich - auch im Namen unserer haupt- und ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter - ein gesegnetes Weihnachtsfest!

Michael Janson, Pfr.